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Skalierbarkeit von Datenräumen

Zwischen technischer Machbarkeit und organisatorischer Realität

In einer datengetriebenen Wirtschaft sind nicht nur die Erhebung, sondern vor allem die gemeinsame Nutzung und Wertschöpfung von Daten wichtig. Was passiert, wenn Unternehmen zwar grundsätzlich bereit sind, Daten auszutauschen, dafür nötige Strukturen aber noch nicht flächendeckend nutzbar sind oder nur für konkrete Anwendungsfälle funktionieren, oder niemand eine Verwendung für die Daten findet?

Genau diesen Fragen widmete sich der Workshop „Skalierbarkeit von Datenräumen“ im Rahmen des Mobilitätssymposiums „Future Mobility by Design: Wie sieht der Weg zum intelligenten Mobilitätsökosystem aus?“. Vertreterinnen und Vertreter aus Praxis und Forschung kamen unter anderem zusammen, um zu diskutieren, warum Datenräume zwar technisch umsetzbar sind, sich jedoch noch nicht flächendeckend etabliert haben und was es braucht, um dies zu ändern.

Von der Lieferkette zum Datenökosystem

Moderne Fahrzeuge erzeugen enorme Datenmengen, Lieferketten sind global vernetzt und die Nachhaltigkeitsanforderungen an OEMs und Zulieferer steigen, doch ohne sicheren und souveränen Datenaustausch bleiben viele Potenziale ungenutzt. Traditionell sind Lieferketten meist bilateral organisiert: Ein Zulieferer schickt Daten in selbst gewählten Formaten an einen OEM. Daten werden hier nur punktuell und zwischen zwei Akteuren ausgetauscht. Für die Herausforderungen der Mobilitätswende reicht dieses Modell allerdings nur bedingt aus.

Datenökosysteme können eine Lösung für die Mobilitätswende sein. Anders als klassische Lieferketten können sie multilaterale Netzwerke abbilden, in denen verschiedene Akteure souverän und sicher Daten austauschen. Technisch umgesetzt werden kann das Ganze durch sogenannte Datenräume. Diese bieten föderierte Infrastrukturen ohne zentralen Datenspeicher, die auf Peer-to-Peer-Mechanismen und einem vertraglich geregelten Datenaustausch basieren. Initiativen wie Gaia-X schaffen einen übergeordneten Handlungsrahmen. Branchenspezifische Umsetzungen wie Catena-X zeigen, wie diese Prinzipien in der Industrie praktisch umgesetzt werden können.

Catena-X: Von der Vision zur internationalen Initiative

Seit der Gründung des Catena-X Automotive Network e.V. im Jahr 2021 folgten die Konzept- und Pilotphase, der operative Start sowie die internationale Skalierung. Derzeit nehmen mehr als 200 Unternehmen aktiv am Catena-X-Datenraum teil, in dem bereits über 10 Anwendungsfälle implementiert sind. Exemplarisch hierfür stehen Lösungen zur Ermittlung des Product Carbon Footprints (PCF) sowie zum sicheren Austausch von Unternehmenszertifikaten. Weitere Use Cases befinden sich zudem in Entwicklung. Die technische Grundlage zum geregelten und standardisierten Datenaustausch im Datenraum ist dementsprechend vorhanden, erste Prozesse funktionieren und die internationale Vernetzung schreitet voran.

Trotzdem bleibt die Frage, warum Datenräume noch nicht flächendeckend etabliert sind.

Warum Datenräume bislang noch nicht skalieren

Im Workshop-Teil wurden genau zu dieser Frage Herausforderungen gesammelt und diskutiert. Folgende Handlungsfelder wurden im Workshop identifiziert.

1. Technische Komplexität und Infrastruktur

Zwar existieren Referenzarchitekturen, doch die Umsetzung von Datenräumen wird häufig als aufwendig und komplex empfunden. Es bestehen Hürden wie ein undurchsichtiger Integrationsaufwand in bestehende IT-Systeme, Fragen zur Performance oder zu Latenzen sowie spezifische Echtzeitanforderungen. Dies stellt insbesondere kleinere Unternehmen vor Herausforderungen. Die Standardisierung von Infrastrukturen und Prozessen wird einerseits als notwendig, andererseits als zusätzliche Hürde wahrgenommen.

Gerade bei spezialisierten Anwendungsfällen mit hohen Performance-Anforderungen, wie dem Teilen, Auswerten und Nutzen von Echtzeitdaten, kann die bestehende Infrastruktur an ihre Grenzen stoßen oder zusätzliche Anpassungen erfordern.

2. Wirtschaftliche Fragen

Ein zentrales Thema der Diskussion im Workshop war der teilweise fehlende klare Business-Nutzen. Hierbei stellen sich Fragen wie:

  • Wer profitiert tatsächlich vom Datenaustausch?
  • Steht der Aufwand eines Teilnehmers am Datenraum in einem angemessenen Verhältnis zum Nutzen?
  • Ist ein Business Case vorhanden?

Zusätzlich vermuten einige Akteure durch mehr Transparenz entlang der Lieferkette auch mehr Kontrolle durch OEMs. Hier entstehen Unsicherheiten hinsichtlich einseitiger Machtverhältnisse und Abhängigkeiten.

3. Governance, Vertrauen und Akzeptanz

Datenräume basieren auf der Idee eines souveränen Datenaustauschs. Dennoch bleibt Vertrauen ein zentrales Thema:

  • Sind die Daten langfristig verfügbar?
  • Wie stabil sind organisatorische und rechtliche Rahmenbedingungen?
  • Wie offen darf ein Datenraum sein, um breite Akzeptanz zu erlangen?

Zudem wurde deutlich, dass es auch an Wissen und Erfahrung fehlt. Nutzerakzeptanz entsteht nicht allein durch funktionierende Systeme, sondern auch durch nachvollziehbare Mehrwerte und transparente Kommunikation.

Skalierung als Gemeinschaftsaufgabe

Ein wichtiger Diskussionspunkt war, ob Catena-X ein Sonderfall oder ein Vorbild ist. Neben Catena-X gibt es weitere Datenräume in unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Die strukturellen Herausforderungen und Rahmenbedingungen ähneln sich trotz branchenspezifischer Unterschiede:

  • Standardisierte Schnittstellen sind notwendig
  • Offenheit und Kontrolle müssen ausbalanciert sein
  • Bestehende IT-Landschaften müssen integriert werden
  • Wirtschaftliche Anreize müssen erkennbar sein

Skalierung bedeutet daher nicht nur, dass mehr Unternehmen technisch eingebunden werden, sondern dass Vertrauen aufgebaut, Mehrwerte sichtbar und Governance-Strukturen weiterentwickelt werden müssen.

Von der Problemanalyse zur Roadmap

Auf Basis der identifizierten Herausforderungen soll im Projekt „DiSerHub“ eine Roadmap entwickelt werden, welche die Ergebnisse systematisch weiterverarbeitet. Dabei sollen unter anderem folgende Fragen geklärt werden:

  • Welche technischen Standards sind für eine breite Skalierung notwendig?
  • Welche organisatorischen Modelle funktionieren?
  • Wie kann insbesondere den kleinen und mittleren Unternehmen der Einstieg erleichtert werden?

Die Diskussion hat gezeigt: Der Aufbau datengetriebener Ökosysteme gelingt nicht allein durch Technologie. Er erfordert Zusammenarbeit, Transparenz und die Bereitschaft, neue Formen der Wertschöpfung zu etablieren.

Datenräume wie Catena-X zeigen, dass souveräner, sicherer und standardisierter Datenaustausch grundsätzlich möglich ist. Die technischen Grundlagen sind gelegt und internationale Netzwerke entstehen. Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch in der Skalierung, bei der Governance, dem Vertrauen sowie dem wirtschaftlichen Nutzen.

Wenn wir Daten gemeinsam und wertschöpfend nutzen wollen, brauchen wir ein funktionierendes Ökosystem, in dem alle Akteure langfristig profitieren können.